ADHS –
Wenn tausend Gedanken gleichzeitig deine Aufmerksamkeit stehlen
Im Kopf vieler Menschen besteht beim Thema ADHS immernoch das Bild vom Kind, das über Tisch und Bänke geht und ja! diese Menschen gibt es, aber es gibt auch die anderen. Diejenigen, die äußerlich unauffällig sind. Sich weg träumen oder die innere Unruhe damit vertreiben ihre Nagelhaut zu zerkauen.
Kann es ADHS sein, wenn ich gar nicht zappelig bin?
In meiner Praxis sehe ich viele Symptome, die man auf den ersten Blick nicht unbedingt ADHS zuordnen würde. Viele Betroffene snacken abends nochmal ungesundes Essen, auch wenn sie wissen, dass es ihnen nicht gut tut. Wenn man genauer hinsieht, dann beobachtet man, dass die Hände der Betroffenen dauerhaft Beschäftigung suchen. Man kann beobachten, wie die Nägel zerkaut werden, die Nagelhaut blutig gebissen wird oder auch die Mundschleimhaut von innen zerbissen wird. Motorisch wirken diese Menschen dann nicht unbedingt unruhig. Aber auch das klassische Zittern mit den Beinen kann man gut beobachten. Dies ermöglicht den Betroffenen beispielsweise still zu sitzen, entgegen dem, was ihr Körper in diesem Moment eigentlich benötigt.
Ich bin doch nur faul, unordentlich und unsortiert!
Gerade diese Gedanken verfolgen Erwachsene mit ADHS ganz häufig. Sie konnten nie lernen, wie ihr besonderes Nervensystem funktioniert, weil ihre Vorbilder zu großen Teilen selbst keine guten Werkzeuge dafür hatten. Ein neurotypischer Mensch macht die Dinge einfach, weil er von seinem Nervensystem schon vorher dafür belohnt wird. Ein Mensch mit ADHS geht nicht „einfach“ los. Er startet mit leeren Tanks. Natürlich gibt es einige Mittel, um diese Tanks vorher ein wenig zu füllen. Gleichzeitig möchte ich darauf hinweisen, dass gerade diese Unfähigkeit loszugehen schon in der Kindheit dazu geführt haben kann, dass Du beschämt wurdest und da vielleicht noch alte Wunden angesehen werden möchten. Auch, wenn in Social Media mittlerweile haufenweise hilfreiche Lifehacks existieren, die einem das Leben mit ADHS leichter machen, wird aus einem ADHSler kein neurotypischer Mensch. Diesen Respekt versuche ich in jeder Sitzung an meine PatientInnen zu vermitteln.
„Aber ich will auch so funktionieren, wie andere!“
Diesen Gedanken verstehe ich so sehr! Für mich persönlich hat es auch lange gedauert zu integrieren, dass ich eben anders bin. Das bedeutet nicht: weniger leistungsfähig, sondern anders! Wir leben in einer Zeit, in der uns oft vermittelt wird, dass wir alle ähnlich zu funktionieren haben. Aber die Menschheit war schon immer bunt. Wir brauchten und brauchen Menschen, die über den Tellerrand denken. In der Therapie versuchen wir deshalb nicht rauszufinden, wie du dich verbiegst, damit du besser funktionieren kannst, sondern, wie du deinen Alltag so gestaltest, dass er sich für dich so gut, wie möglich anfühlt.
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