Ist eine Diagnostik bei ADHS oder Autismus sinnvoll?

Ich werde immer wieder gefragt, ob ich es für wichtig oder sinnvoll erachte, eine Diagnostik für ADHS oder Autismus zu durchlaufen? 
Oder ob es nicht genügt, selbst zu wissen, dass man neurodivergent ist?

Die Antwort darauf kann in meinen Augen keine einfache sein.

Oft tauchen dabei ganz ähnliche Gedanken auf:
Zum Beispiel, dass berufliche Nachteile entstehen könnten. Dass man vielleicht später bestimmte Versicherungen nicht mehr abschließen kann, etwa eine private Krankenversicherung oder eine Berufsunfähigkeitsversicherung oder die Sorge, man würde sich selbst oder anderen ein Label verpassen.

Das sind alles wertvolle Gedanken.
Und im ersten Moment sind sie auch nicht von der Hand zu weisen.

Wenn man jedoch genauer hinschaut, entkräftet sich vieles davon von selbst.

Undiagnostizierte neurodivergente Menschen entwickeln deutlich häufiger weitere psychische Belastungen. Depressionen, Burnout, Suchtproblematiken oder chronische Erschöpfung sind keine Seltenheit. All das schränkt die Lebensqualität massiv ein und an dieser Stelle werden mögliche zukünftige Versicherungsfragen oft sehr leise im Vergleich zu dem, was Menschen tagtäglich aushalten.

Auch das Argument der „Labels“ lohnt einen genaueren Blick.

Ein Mensch mit ADHS und ausgeprägter exekutiver Dysfunktion erhält im Alltag selten die Einordnung „Dein Gehirn arbeitet anders“.
Viel häufiger tauchen andere Zuschreibungen auf: faul, unzuverlässig, chaotisch.
Nicht, weil es zutrifft, sondern weil die Umwelt keine andere Erklärung hat.
Menschen mit ausgeprägter Zeitblindheit erleben Ähnliches. Sie gelten schnell als respektlos oder unorganisiert, obwohl ihr Nervensystem Zeit schlicht anders verarbeitet. Wenn sich solche Fremdzuschreibungen über Jahre ansammeln, hinterlassen sie Spuren im Selbstbild.
Nicht selten entsteht das Gefühl, grundsätzlich falsch zu sein.

Vor diesem Hintergrund ist eine Diagnose zwar auch ein Label, aber oft eines, das weniger Schaden anrichtet als all die stillen Zuschreibungen, die Menschen sich sonst selbst erklären müssen.

Viele glauben außerdem, dass eine Diagnostik keinen Sinn mehr habe, wenn sie bereits 30, 40 oder 50 Jahre durchs Leben gegangen sind und irgendwie „funktioniert“ haben.
Doch auch hier stelle ich mir eine andere Frage:
Sind die nächsten Jahre Deines Lebens es nicht wert, sich weniger anzupassen, weniger auszuhalten und weniger gegen sich selbst zu arbeiten?

Warum also überhaupt eine Diagnostik und nicht einfach eine Selbstdiagnose?

Ganz kurz gesagt:
Weil es auch andere Erkrankungen gibt, die auf den ersten Blick wie ADHS oder Autismus aussehen können, aber einen völlig anderen therapeutischen Umgang benötigen.

Traumafolgestörungen zeigen sich nicht selten durch Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten oder Reizüberflutung.
Auch Depressionen können dazu führen, dass Menschen sich selbst kaum noch spüren oder innerlich rastlos sind.
Diese Themen brauchen eine andere Begleitung als ADHS oder Autismus.

Eine fundierte Diagnostik dient daher nicht nur der Bestätigung, sondern auch der Differenzierung.
Sie hilft dabei, den passenden Weg zu finden und nicht an der falschen Stelle anzusetzen.

Wenn Du Dich mit diesen Fragen beschäftigst und eine ADHS-Diagnostik in Erwägung ziehst, kannst Du Dich gern bei mir melden.
Den Link zur Terminvereinbarung findest Du, wenn Du hier klickst.