Der Satz „Das ist doch keine Ausrede“ begegnet mir immer wieder…
… und damit haben diese Menschen grundsätzlich Recht. Autismus oder ADHS sind keine Ausrede dafür sich entwertend zu verhalten oder aggressiv zu sein.
Gleichzeitig schwingt da häufig eine gewisse Erwartung mit. Nämlich die, das Autisten die neurotypische Art der Kommunikation z.B. einfach mal verstehen sollten und sich Mühe geben, damit der andere sich nicht anpassen muss. Wenn ein autistischer Mensch gefragt wird, ob er beispielsweise Hunger habe, dann könnte er schlichtweg „Nein.“ antworten und weiter machen. Dies könnten neurotypische Menschen als sehr unhöflich wahrnehmen. Wollten sie doch eigentlich selbst essen und den anderen mit dieser Frage bitten mitzukommen. Diese unausgesprochenen Botschaften erwartet ein neurotypischer Mensch eben als verstanden und dieses kurze „Nein.“ wirkt auf ihn extrem unhöflich. An dieser Stelle ist Autismus vielleicht keine Ausrede, aber Inklusion bedeutet auf die Besonderheiten von Menschen Rücksicht zu nehmen.
Was in der Essenssituation nun vermutlich geschehen könnte, wäre eine sehr menschliche Sache. Der neurotypische Mensch fühlt sich vor den Kopf gestoßen und reagiert entsprechend verletzt, weil er das „Nein.“ („Ich habe keinen Hunger.“) als Ablehnung verstehen könnte. Der Autist versteht nicht warum, und so haben wir ein gutes Rezept für einen Streit.
Wie schon gesagt, eine Diagnose darf niemals ein Grund sein Gewalt, Beleidigungen oder Entwertungen zu erdulden!
Das oben genannte Beispiel ist nur eines von vielen in denen neurodivergente Menschen unfreundlich wirken können. Zu einigen Klassikern zählt auch das „Dazwischenreden“ von Menschen mit ADHS, sie können das nur mit sehr viel Mühe unterdrücken. Das macht Gespräche in denen dieses Verhalten als „unfreundlich“ bewertet wird extrem mühsam. Besonders in langweiligen Gesprächen kann sich das wie eine Qual anfühlen und ein Zuhören wird unmöglich.

Ein weiteres Beispiel wäre das Thema „Pünktlichkeit“. Menschen mit ADHS leiden oft unter Zeitblindheit leiden und können einfach gar nicht einschätzen, wie lange sie z.B. im Bad brauchen – Gern wird sich da völlig überschätzt oder im Erwachsenenleben dann überkompensiert, indem man überall 30 Minuten früher auftaucht. Autisten dagegen gehen dann vielleicht nicht mehr los, weil sie fünf Minuten zu spät kommen könnten und das ihr inneres Sicherheitsbedürfnis angreift.
Also Nein! Neurodivergenz ist keine Ausrede für psychische oder physische Gewalt. Gleichzeitig sind manche Regeln in der Welt gemacht für neurotypische Menschen und diese Regeln machen Neurodivergenten das Leben extrem schwer.
Das bedeutet natürlich nicht, dass wir unsere Werte völlig über Bord werfen sollten, aber doch irgendwie flexibel auf den einzelnen Menschen reagieren könnten. Mit weniger Bewertung für die Lösungen, die diese Menschen vielleicht finden. Seien es die Körbe, die bei ADHSlern überall im Haus verteilt sind, damit nicht soviel Unordnung auf den Flächen passiert oder der Gehörschutz, der dafür sorgt, dass Menschen mit Autismus den Einkauf irgendwie schaffen und Dich nicht hören.
Falls ihr Euch beim Verstehen Eurer Neurodivergenz oder der Eurer Mitmenschen Unterstützung wünscht, meldet bucht Euch gern einen Termin in meinem Terminkalender