Weil „Gelassenheit mit sich selbst“ oft wirklich Mühe und Rückgrat kostet
Ich schreibe heute aus meiner eigenen Perspektive – ganz unverblümt.
Ich beobachte in letzter Zeit eine wundervolle Wendung beim Thema Neurodivergenzen.
Viele Menschen stehen auf und berichten über ihr eigenes Erleben. Das ist wunderbar, denn so wird das Thema hoffentlich irgendwann auch noch beim letzten Zweifler Gehör finden.
Viele Menschen erzählen auf ganz unterschiedliche Weise von ihren Herausforderungen und davon, wie ihre Neurodivergenz ihr Leben beeinflusst und erschwert. Das Leben dieser Menschen wird tatsächlich erschwert durch eine Gesellschaft, die darauf ausgerichtet ist, dass wir alle gleich funktionieren sollten. Jetzt könnte ich geschichtlich weit ausholen, um die Gründe dafür zu suchen, warum es so ist, wie es ist. Und Ursachenforschung ist natürlich super wichtig. Sie ist auch im Jetzt immer wieder hilfreich. Gleichzeitig finde ich gerade die Frage spannend, wie es besser gehen kann?
Wie kann es gehen?
Ein Alltag als Elternteil ist schon mega anstrengend, wenn man ein Gehirn hat, das nicht bei jedem Ton im Raum seine Richtung wechselt.
Ein Raum, der von Kindern vereinnahmt wurde und in jeder Ecke eine Ablenkung bietet, macht es unfassbar schwer, die Gedanken zusammenzuhalten, egal mit welcher neuronalen Ausstattung man geboren wurde.
Gleichzeitig sind neurodivergente Gehirne an dieser Stelle noch einmal anders gefordert.
Wie geht es als Mama, nicht in einen Meltdown zu geraten, wenn die Löffel in der Schublade in die falsche Richtung sortiert sind und nebenan zwei laut lachende Kinder auf dem Sofa herumspringen? Wie kann es gehen, nicht selbst in einen Shutdown zu kippen, wenn die Tagesplanung völlig durcheinandergewirbelt wird, weil Dein Kind heute früh mit Fieber aufgewacht ist?
Was ist Deine Lösung? Funktionierst Du einfach weiter?
Wie sortierst Du Deine Gedanken, wenn um Dich herum zwei kleine Wesen mit kaum vorhandener Impulskontrolle alle zwanzig Sekunden eine neue Idee haben, die Du umsetzen sollst? Kannst Du durchatmen und Dich auf deine Aufgabe besinnen? Oder lässt Deine Aufmerksamkeit sich mitziehen zur Kellerassel draußen im Garten, obwohl Du doch gerade einen neuen Wäschestapel in Deinem Bett aufgehäuft hast? (Dank an ADHS)
Und was, wenn Dein Kind auf dem Weg zum Klo vergisst, dass es seine Schuhe anziehen sollte, sich stattdessen auf den Weg ins Kinderzimmer macht, während du Dich vom vollen Mülleimer ablenken lässt, obwohl ihr doch eigentlich zum Tanzunterricht wolltet?
Wenn ihr also Neurodivergenz im Doppelpack lebt?
Kennst du einen, kennst du einen!
Die konkrete Antwort muss ich Dir leider schuldig bleiben, denn das Spektrum bleibt das Spektrum.
Jeder von uns ist super individuell und was für den einen gut funktioniert, schubst das Nervensystem des nächsten vielleicht völlig ins Aus.
Von daher bin ich Verfechterin von individuellen Lösungen, die für Dich maßgeschneidert sind.
Gleichzeitig gebe ich Dir einen Rat mit und das ist vielleicht der schwerste, wenn man mit neurodivergentem Perfektionismus ausgestattet ist:
Sei freundlich mit Dir selbst! Sei geduldig!
Ich weiß, Du gibst jeden Tag dein Bestes.
Dann bist Du eben leicht ablenkbar! Gleichzeitig bist Du vielleicht auch diejenige, die super flexibel darauf reagieren kann, dass der Kuchen fürs Schulfest morgen fertig sein muss und Dein Kind das vergessen hat. Vielleicht fällt es Dir schwer, dass sich mit Kindern jede Sekunde etwas verändert. Vielleicht brauchst Du mehr Pausen als andere. – Aber vielleicht bist Du dafür, auch wirklich da, wenn Du da bist.
Und nein, das ist kein Artikel darüber, dass Neurodivergenz eine verkappte Superkraft ist.
Das ist sie nicht. Das Leben in dieser Gesellschaft als Mensch mit einem „anderen Hirn“ ist anstrengend.
Gleichzeitig finde ich Gelassenheit Dir selbst gegenüber richtig, richtig wichtig.