Ich behaupte: Deine Neurodivergenz macht Dich zur Zielscheibe von toxischen Menschen.

Worauf musst Du also achten und was musst Du wissen, damit Du Dich schützen kannst?

Es fängt nicht mit einem Knall an.

Es fängt leise an, fast unmerklich: Jemand zeigt Interesse an Deiner Arbeit, jemand bietet Hilfe an oder fragt Dich nach Deiner Hilfe, jemand sagt „Lass uns das zusammen machen“. Du denkst: Endlich jemand, der mich versteht, jemand, der mitmacht, jemand, mit dem ich nicht allein bin. Am Anfang ist alles gut, ihr arbeitet zusammen, ihr lacht zusammen, ihr erschafft etwas Großartiges, und Du fühlst Dich gesehen und wertgeschätzt. Du hast das Gefühl, das ist jetzt die perfekte Freundschaft. Und dann kommt die erste kleine Korrektur, so nebenbei, fast freundlich: „Du hast da einen Fehler gemacht“ Du denkst Dir nichts dabei, im Gegenteil, Du denkst: Okay, konstruktive Kritik, das ist gut so, so wird das Projekt besser. Dann kommt die zweite Korrektur, die dritte, und irgendwann passiert es nicht mehr nur unter vier Augen, sondern vor anderen, in Meetings, in E-Mails, und Du beginnst zu spüren, dass etwas nicht stimmt, aber du kannst es noch nicht benennen.

„Ich meine es doch nur gut mit Dir“

Du fasst Dir ein Herz und sagst vorsichtig: „Ich fühle mich damit unwohl.“ Die Antwort kommt schnell: „Nein, so ist es nicht, ich will Dir doch nur helfen.“ Und plötzlich zweifelst Du, denn die Worte klingen so aufrichtig, so fürsorglich, so als wärst Du undankbar, wenn Du Dich beklagst. Vielleicht bin ICH das Problem, vielleicht bin ich wirklich zu sensibel, vielleicht überreagiere ich, vielleicht sollte ich dankbar sein statt mich zu beschweren. Das sind die Gedanken, die in diesem Moment durch Deinen Kopf rasen. Das ist der Moment, in dem die Falle zuschnappt, denn ab jetzt zweifelst du nicht mehr an der anderen Person, sondern an Dir selbst. Übergriffig daran ist, dass andere nicht zu entscheiden haben, ob Du Hilfe brauchst oder nicht. Parallel werden Dir damit nach und nach Deine Fähigkeiten klein geredet. Also nein! Du bist nicht undankbar.

Warum gerade neurodivergente Menschen?

Viele neurodivergente Menschen haben jahrelang, oft über Jahrzehnte hinweg, gelernt, an sich selbst zu zweifeln, denn die Botschaften, die sie ihr Leben lang gehört haben, waren eindeutig: „Warum bist Du so?“ „Kannst Du nicht einfach normal sein?“ „Du übertreibst.“ „Du bist zu sensibel.“ „Andere Kinder haben damit kein Problem.“ Irgendwann, nach hunderten solcher Sätze, nach unzähligen Situationen, in denen Dir gesagt wurde, dass Deine Wahrnehmung falsch sei, glaubst Du es: Das Problem bin ich. Und wenn dann jemand in Deinem Leben auftaucht, der Deine Grenzen überschreitet, Dich kleinmacht oder kontrolliert, aber gleichzeitig beteuert, er meine es gut, dann zweifelst Du nicht an der anderen Person, sondern automatisch an dir selbst, weil Du darauf konditioniert bist.

Viele neurodivergente Menschen haben zudem eine besondere Form von Empathie, nicht die oberflächliche „Ich verstehe, wie Du Dich fühlst“-Empathie, die in Ratgebern beschrieben wird, sondern eine, die tiefer geht, die manchmal schmerzhaft ist, weil sie so intensiv empfunden wird. Du nimmst Stimmungen auf wie ein Schwamm, Du spürst nicht nur, wie es anderen geht, sondern Du fühlst es körperlich, Du siehst die Verletzungen hinter dem Verhalten, Du verstehst intuitiv, warum jemand so handelt, wie er handelt, und genau das wird zur Falle. Denn wenn Du verstehst, warum jemand Deine Grenzen überschreitet, wenn Du seine eigenen Verletzungen siehst, wenn Du nachvollziehen kannst, woher sein Verhalten kommt, wie sollst Du dann Nein sagen, wie sollst Du dann gehen, wie sollst Du dann Abstand nehmen, ohne Dich schuldig zu fühlen?

Du bist trainiert, Dich anzupassen

Neurodivergente Menschen haben oft jahrelang gelernt, sich zu erklären, sich anzupassen, Harmonie zu wollen und Konflikte zu vermeiden, weil Konflikte unglaublich viel Energie kosten, besonders für Menschen mit ADHS oder Autismus, die ohnehin schon mit Reizüberflutung und Überforderung kämpfen. Also gibst Du nach, nicht aus Schwäche, sondern aus purer Erschöpfung, Du erklärst Dich immer wieder, suchst nach den richtigen Worten, hoffst, dass die andere Person es endlich versteht, und Du entschuldigst Dich, selbst wenn Du eigentlich nichts falsch gemacht hast, weil Entschuldigen einfacher ist als Streiten, weil Nachgeben schneller geht als Durchsetzen, weil Du einfach nur deine Ruhe haben willst.

Das Muster: Es wird schleichend mehr

Am Anfang ist es 95% wundervoll und nur 5% fühlen sich schwierig an, und Du denkst: „Okay, das war jetzt komisch, aber insgesamt läuft’s doch gut, das ist normal, keine Zusammenarbeit ist perfekt.“

Dann verschiebt sich das Verhältnis langsam, fast unmerklich: 70% gut, 30% anstrengend, und Du denkst: „Naja, sie meint es ja gut, und wir haben trotzdem so viel zusammen erreicht, das ist es wert.“ Dann wird es 50/50, und Du beginnst zu zweifeln: „Vielleicht liegt es an mir, vielleicht bin ich gerade besonders sensibel, vielleicht erwarte ich zu viel.“ Und irgendwann, wenn Du ehrlich bist, bist Du bei 30% gut und 70% anstrengend angekommen, aber Du erinnerst Dich noch so deutlich daran, wie es am Anfang war, wie toll es war, wie verbunden ihr euch gefühlt habt, und Du hoffst insgeheim, dass es wieder so wird, wenn ihr nur dieses eine klärende Gespräch führt, wenn Du es nur richtig erklärst, wenn sie nur endlich versteht. Das wird nicht kommen.

Verstehe mich nicht falsch, ich kenne diesen tiefen Wunsch zu gut! Diesen Traum loszulassen ist unfassbar schmerzhaft. Aber es ist leider nur ein Traum, es war nie echt!

Toxische Menschen sind nicht immer offensichtlich fies

Wenn jemand Dich anschreien, beleidigen oder beschimpfen würde, wäre es leicht, dann könntest Du gehen, ohne zu zweifeln, denn das wäre eindeutig inakzeptabel, und niemand würde Dir vorwerfen, dass Du Dich davon distanzierst. Aber toxische Menschen sind nicht laut und aggressiv, sie sind höflich, sie sind besorgt, sie wollen nur das Beste für Dich, sie wollen Dir nur helfen, und genau deshalb funktioniert es. Sie sagen Sätze wie „Ich will dir doch nur helfen“ oder „Ich meine es doch nur gut mit Dir“ oder „Nein, das hast Du falsch verstanden“, und plötzlich bist DU diejenige, Die sich rechtfertigen muss. Du entschuldigst Dich, weil Du Dich schlecht fühlst, weil die andere Person es schafft, die Situation so darzustellen, als hättest Du etwas falsch gemacht.

Was toxische Dynamiken so gefährlich macht

Das Gefährliche an toxischen Dynamiken ist, dass sie nicht schwarz-weiß sind, nicht eindeutig, nicht klar zu erkennen, denn die Person ist nicht durchgehend schrecklich. Im Gegenteil, ihr hattet zusammen eine wirklich tolle Zeit, es gab schöne Momente, es gab Erfolge, und genau das macht es so schwer, sich zu lösen. Aber tröpfchenweise, fast unmerklich, kommt das Einmischen, die Kontrolle, die Korrektur, das „Ich weiß es besser“, und jede einzelne Grenzüberschreitung ist so klein, dass es sich absurd anfühlen würde, deswegen einen großen Konflikt zu beginnen.

Das nennt sich intermittierende Verstärkung: Manchmal ist es toll, manchmal ist es anstrengend, manchmal ist es wieder gut, manchmal ist es wieder ätzend, und Dein Gehirn kann nicht anders, als zu hoffen: „Wenn wir nur dieses eine Gespräch führen, wenn ich es nur richtig erkläre, wenn sie nur versteht, wie ich mich fühle, dann wird es wieder so gut, wie am Anfang, wie damals, als wir noch gelacht haben.“ Aber in Wahrheit wird das „Gute“ immer seltener, und das „Anstrengende“ wird immer häufiger, bis Du irgendwann nur noch erschöpft bist und Dich fragst, warum Du so frustriert bist?

Der wichtigste Gradmesser

Die Frage ist nicht: „Meint die Person es böse?“ Die Frage ist: Wie geht es DIR? Fühlst du dich danach erschöpft oder gestärkt, verwirrt oder klar, kleiner oder größer? Grübelst Du nach jedem Treffen stundenlang darüber, was Du hättest anders sagen sollen, entschuldigst Du Dich für Dinge, die eigentlich keine Entschuldigung brauchen, zweifelst Du ständig an Deiner eigenen Wahrnehmung und fragst Dich, ob du vielleicht doch überreagierst? Dann ist es toxisch, auch wenn die andere Person es nicht weiß, auch wenn sie es nicht will, auch wenn sie es nicht böse meint, denn die Absicht ändert nichts an der Wirkung, und die Wirkung ist, dass Du Dich schlecht fühlst.

Was das System dir beigebracht hat

Viele neurodivergente Menschen haben vom System – von Lehrern, Therapeuten, Ärzten, Eltern – gelernt, der eigenen Wahrnehmung nicht zu trauen, denn die Botschaften waren eindeutig: Als Kind hieß es „Du bist schwierig“, als Jugendliche „Du übertreibst“, als Erwachsene „Du bist zu sensibel“, und irgendwann, nach Jahren dieser Botschaften, glaubst Du es. Das Problem bin ich, nicht die Umstände, nicht die anderen Menschen, sondern ich. Und wenn dann jemand in Deinem Leben Deine Grenzen überschreitet und Du Dich traust zu sagen: „Das tut mir nicht gut“ und die Antwort ist: „Nein, so ist es nicht, ich meine es doch nur gut mit Dir. Ich will Dir nur helfen.“ dann glaubst Du automatisch der anderen Person und nicht Dir selbst, weil Du jahrelang trainiert wurdest, genau das zu tun. Das ist Gaslighting, auch wenn die Person es vielleicht gar nicht bewusst macht, auch wenn sie selbst glaubt, dass sie nur helfen will, es ändert nichts daran, dass Deine Wahrnehmung für ungültig erklärt wird.

Du darfst gehen, auch ohne Beweise, ohne Dich zu erklären!

Du brauchst keine Beweise dafür, dass jemand toxisch ist, Du brauchst keine böse Absicht, keine offensichtliche Gemeinheit, keine dramatische Eskalation. Du brauchst nur Dein Gefühl, und Dein Unwohlsein ist Grund genug. Du darfst verstehen, warum jemand so ist, Du darfst seine Verletzungen sehen, Du darfst Mitgefühl für seine Geschichte haben, und trotzdem erkennen: Das tut mir nicht gut, und ich muss mich schützen. Du darfst jemanden mögen, Du darfst dankbar sein für das Gute, das ihr zusammen hattet, und trotzdem gehen, weil das Anstrengende mittlerweile überwiegt und Du nicht mehr die Kraft hast, immer wieder zu hoffen, dass es besser wird.

Selbstschutz ist nicht egoistisch

Wenn Du merkst, dass eine Beziehung Dich erschöpft, Dich klein macht, Dich ständig zweifeln lässt, egal ob privat, beruflich oder freundschaftlich, dann darfst Du gehen, auch wenn die andere Person es nicht versteht, auch wenn sie es nicht böse meint, auch wenn sie selbst leidet. Du bist nicht verantwortlich für die Gefühle anderer Menschen, Du bist nicht dafür zuständig, sie glücklich zu machen oder ihre Verletzungen zu heilen. Du bist verantwortlich für Dich selbst, für Dein Wohlbefinden, für Deine Energie, und wenn eine Beziehung Dir mehr nimmt als sie dir gibt, dann ist es nicht egoistisch, sondern überlebenswichtig, Dich zu schützen.

Was Du Dir merken darfst!

Deine Wahrnehmung ist gültig, auch wenn andere sie anzweifeln, Deine Gefühle sind real, auch wenn sie Dir sagen, Du bist zu sensibel, und Dein Unwohlsein ist Grund genug, um eine Situation zu verlassen, auch ohne Beweise, auch ohne Drama, auch ohne offensichtliche Gemeinheit. Du bist nicht zu viel, Du bist nicht zu sensibel, Du bist nicht das Problem. Du bist jemand, der tief fühlt, intensiv liebt und echte Verbindung sucht, und das ist wertvoll, aber nicht jeder Mensch verdient Zugang dazu. Du darfst wählerisch sein, Du darfst Grenzen setzen, Du darfst gehen, und Selbstschutz ist nicht egoistisch – es ist überlebenswichtig.

Falls Du Dir beim Verstehen Deiner Neurodivergenz oder Deiner Mitmenschen Unterstützung wünscht, buche Dir gern einen Termin in meinem Terminkalender